Künstlerportrait / Neues

Portrait: Martin Prechelmacher

[30 Künstler, 5 Fragen, ein Ausschnitt]
Jeden Montag ein Künstlerportrait der aktuellen Ausgabe.
Heute: Fotograf MARTIN PRECHELMACHER aus [Lautschrift] #2.

[Lautschrift]: Wie bist du zum Fotografieren gekommen?
Martin: In meinem Umfeld gab es immer wieder eine Zahl an Fotografen, da gab es also immer schon eine gewisse Affinität. Den ersten richtigen Kick in diese Richtung kam aber erst, als mich eine Freundin mit der Arbeit von Olex Hnatenko bekannt gemacht hat. Das war eine wahrhaft umwerfende Erfahrung, wie Olex über die scheinbaren Grenzen der Fotografie hinaus blicken konnte, eine Erfahrung, die sich wohl am besten mit dem Gefühl einer gut improvisierten Jazz-Session vergleichen lässt. Schlussendlich waren es dann aber finanzielle Gründe: Das Entdecken einer Sonderaktion von Amazon. Nach kurzem Herumtelephonieren und einer eintägigen Wartezeit hatte ich meine erste DSLR in der Hand und obwohl ich es mir nicht wirklich leisten konnte, folgten die ersten Objektive kurz darauf.

Was inspiriert dich – gibt es einen bestimmten Fotografen, einen Lieblingsort, eine bestimmte Musik?
Wirklich beantworten kann ich diese Frage zu meiner eigenen Enttäuschung leider nicht. Wenn ich mir die Photos von Olex anschaue bin ich jedesmal aufs Neue fasziniert von seiner imaginativen Kraft. Dann fange ich auch immer an, wie wild in mein Notizbuch zu kritzeln und Konzepte zu entwerfen; von denen – wie prosaisch! – leider kaum je welche realisiert werden. Dazu fehlt dann meist doch die Zeit. Als Inspiration dient natürlich auch die Literatur – eine, bisher ungeschossene, Serie etwa will Reiner Kunze Gedichte graphisch umsetzen. Kunze bietet sich dafür natürlich geradezu an, da seine Gedichte von einem visuellen Geist getragen sind.
Meistens sind es dann aber doch wesentlich profanere Dinge, die einen Impuls geben. Bishop Allens Click, Click, Click, Click  oder Regina Spektors Back of a Truck bringen mich immer weider dazu, eine Pause in den Studentenalltag einzulegen und ziellos mit meiner Kamera durch die Gegend zu gehen. Vieles von dem, was dann tatsächlich am Ende rausschaut sind aber Zufallsprodukte. Details oder Gegenstandskonstellationen, die mir am Weg auffallen, nur selten mit einem Konzept oder Plan dahinter. Bei den meisten Fotos ist dann auch noch ein recht umfangreiches Post-Processing dabei, wobei ich durchgehend mit dem meinem persönlichen Gefühl des Fotos spiele und versuche, das Stärkste möglichst ins Bild selbst zu legen.

Wo bist du offline und online zu finden?
In der analogen Welt sitze ich meist in Kaffeehäusern oder der Uni-Bibliothek. In Konstanz haben es mir die Lichtgalerie und das Vogelcafé angetan – die Lichtgalerie (neben den Leuten, die sich dort treffen) vor allem wegen des Irish Blend Kusmi-Tees. Wien hat da schon etwas mehr zu bieten, wobei ich dann doch meistens im Museumsquartier oder in den Kaffees um die Uni herum zu finden bin.
Online bin ich ein großer Fan von Google+, allein, weil sich dort eine sehr lebendige und freundliche Fotografen-Szene etabliert hat. Ob G+ noch lange wird weiterexistieren ist allerdings noch offen. Ansonsten poste ich sporadisch auf notes of naught, meinem Blogger-Bildjournal, alle anderen Blogs sind irgendwie eingeschlafen. Abgesehen von Volltext Blogbuch, dem Online-Ableger der Wiener Literaturzeitung Volltext.

Wie würdest du deine eigene Fotografie beschreiben?
Am besten wohl als persönliche Zufallsprodukte. Ich bin sehr ekklektisch in meiner Fotografie, orientiere mich mal an der einen Schule, mal an der anderen und probiere alle möglichen Dinge aus. Lange habe ich geglaubt, meine Fotografie durch Anbiederung an die professionelle Szene legitimieren zu müssen; diesen Elitarismus haben meine Fotos inzwischen aber abgelegt.

Was kann die Fotografie was Texte nicht können?
Paradoxerweise ist es ganz gegen (und ein klein wenig mit) Lessing gerade das Einfangen von Zeitlichkeit. Die inhärente Dimension der Zeit geht in Texten – nicht nur den Narrativen – in ihrer Gewöhnlichkeit unter. Wie im Alltag bemerkten wir in Literatur die Zeit nur dann, wenn es in ihr eine Störung gibt, wenn Homer seinen Odysseus in die Vergangenheit blicken lässt oder andere Anachronismen unser natürliches Zeitverständnis bedrohen. Fotografie hingegen ist die Brechung der Zeit, weshalb ihre Thematisierung hier um so vieles spannender ist. In fast allen Handbüchern und Enthusiasten-Blogs ließt man, man solle sich immer die Frage stellen ‘What story do you want to tell?’ Tatsache ist, dass in fast allen (guten) Fotografien eine Geschichte anklingt – nur Landschaftsphotographie und Architektur sind davon weitgehend ausgenommen. Ich habe einmal ein Foto gesehen, dass, obwohl es keineswegs schlecht gemacht war, durch Komposition, Farbgebung und all dem technischen Krimskrams in keinerlei Hinsicht interessant war. Was diese Fotografie jedoch so einprägsam gemacht hat, war die halb-verschwundene Gestalt eines Mädchens neben einer Schaukel. Dieser Modus der Doppelbelichtung bringt die verlorene Zeit der Fotografie wieder direkt zurück in ihr Zentrum. Oder schauen wir uns den gegenwärtigen Trend der Vintage-Fotografie an, der sich ja nicht nur in diesem ganzen Instagram-Getue äußert. Viele von den Fotos sind technisch gesehen einfach mies – und dennoch würde ich sie mir jederzeit an die Wand hängen, weil ihr Stil – entsättigte Farben, Vignette, Filmrauschen – Zeitlichkeit und damit Geschichtlichkeit evoziert.
Einem Buch fällt so etwas viel schwerer. Daran erkennt man auch, wie unterschiedlich sich Bild- Buch-Fetischismus äußern. Dylan Moran hat das in der Fernsehserie Black Books typsich pointiert dargestellt, als einer seiner Kunden ihn fragt, ob die Dickens-Ausgabe in dem Regal dort drüben ‘real leather’ ist. Die, nur scheinbar tautologische Antwort Morans: ‘It’s real Dickens.’ Bei Büchern gilt der Fetisch (fast) nur dem Ding, das ich mir ins Bücherregal stelle, nicht dem Buch selbst. Die Fotografie, die ich mir daheim an die Wand hänge, jedoch ist selbst das Objekt meines Fetisch – vor allem, wenn es eine persönliche Fotografie ist. Dann hänge ich mir quasi meine eigene Geschichtlichkeit, meine eigene Zeitlichkeit an die Wand.

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