Neues

Crowdfunding: Die kollektive, kreative Macht

Und da geht die IKEA-Lampe zu Boden und zerspringt in fünf große, milchglasige Teile. Die Scherben setzen sich in den langen Stofffäden des Teppichs fest und ich habe natürlich nur Socken an. Mitten im Videodreh – den ich mir nicht ganz so destruktiv vorgestellt hatte – ist die Stimmung angespannt, der Kameramann (mein Freund) steht tapfer auf zwei Stühlen über mir und versucht nicht zu wackeln. „Noch mal“, sage ich und gebe die kleine Kamera, die ich vor gut drei Jahren für nur 50 Euro gekauft habe, wieder zurück. Zu den Zweifeln, ob überhaupt eine gute Geschichte bei unserem Videodreh für [Lautschrift] herausspringt, gesellt sich auch noch die Unsicherheit, ob die Kamera überhaupt genügend Megapixel hat.

Doch wofür das alles?
Print-Magazine werden schon lange nicht mehr gefördert, weder von offiziellen Stellen noch von Privatpersonen oder –unternehmen. Zumindest ist es sehr schwierig an finanzielle Unterstützung zu kommen, ohne das gesamte Magazin mit willkürlicher Werbung vollzupflastern. Die Finanzierung der ersten Ausgabe von [Lautschrift] verdanken wir unserem Wagemut und dem Glück. Wagemut, weil wir unsere Bankkonten gnadenlos geleert haben, Glück, weil wir nach Erscheinen der Erstausgabe einen Förderpreis der Volksbank gewonnen haben und der Verkauf der Erstausgabe, z.B. auf dem Tübinger Bücherfest, unerwartet gut lief – und wir somit unsere Schulden ausgleichen konnten.

Die zweite Ausgabe ist mitten im Entstehen, unsere Jury wählt soeben die Texte aus, liest sich durch Kurzgeschichten und Gedichte, durch studentisches Talent – doch ohne Finanzierung bleiben die Texte der Öffentlichkeit weitestgehend verschlossen.

Auch für die zweite Ausgabe ist Mut, ein bisschen Glück und einen Hang zur Destruktivität (s. oben) gefordert. Vor einigen Monaten schon wurden wir durch die Presse und andere Kreativschaffende auf das Prinzip Crowdfunding aufmerksam: auf einer Internetplattform werden kreative und künstlerische Projekte vorgestellt, Fans (oder auch Supporter genannt) würdigen die Arbeit der Künstler mit Spenden, die von Minibeträgen (5,00 Euro) zu Höchstsummen (dafür nenne ich kein Beispiel) reichen. Für diese Unterstützung bekommt jeder Supporter ein Dankeschön – also etwas, das in diesem Fall mit [Lautschrift] zu tun hat und dem Supporter zeigt, wofür er denn Geld überwiesen hat. Der Clue: wird eine 100% Finanzierung erreicht, kann die zweite Ausgabe in den Druck gehen; wird in einem vorgeschriebenen Zeitraum weniger erreicht, bleibt das Geld bei den Supportern. Eine faire Angelegenheit!

Nach einem mehrwöchigen, mit Hürden aus Copyright-Fragen, Post-Ident-Anfragen und Zeitplan-Überlegungen versehenen Weg, sind wir nun soweit!

Wir starten [Lautschrift] Nummer 2 nun auch auf einer Crowdfunding-Plattform, und zwar auf http://www.startnext.de. Denn wir finden, literarische Talente an den Universitäten darf man nicht verschleudern und schon gar nicht verstecken! Und da die Vielzahl der Texte, die uns bis zum Einsendeschluss im November 2011 erreichte, auch gleichzeitig ein Ausdruck dessen ist, dass unsere Plattform Sinn macht und angenommen wird, vertrauen wir darauf, dass wir 100% schaffen. Es lohnt sich!

Und: Als ich später an meinem Laptop sitze und das Material durchforste, zusammenschneide, schneller ablaufen lasse, sieht alles gar nicht so übel aus, wie sich das Video im Rhythmus des Singer Songwriters Ryan Dutton abspielt. Vielleicht haben sich die Lampenscherben ja doch gelohnt.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

w

Connecting to %s