Presse

Stepin: Interview mit Cindy Ruch und Jennifer Six – Herausgeberinnen der Literaturzeitschrift [Lautschrift]

4. Nov. 2011: Nachdem wir gestern ein Interview mit Ulrike Beyler zum Thema Fremdsprachen hatten, geht es heute direkt in die nächste Runde. Und wir freuen uns besonders, dass wir dafür zwei junge Frauen aus Süddeutschland gewinnen konnten, die in diesem Jahr ein äußerst spannendes Projekt gestartet haben. Cindy Ruch und Jennifer Six feierten im Mai 2011 ihre Premiere als Herausgeberinnen des studentischen Kunst- und Literaturmagazins [Lautschrift].

Die Website des Magazins beschreibt die inhaltliche Ausrichtung bzw. das Programm mit folgenden Worten:

„Eingefangen werden Kurzgeschichten, Gedichte, Essays, Theaterstücke, Fotografien und Zeichnungen. In Deutsch oder Englisch, um uns sowohl in der Muttersprache als auch in der  gelernten Sprache kreativ zu verwirklichen . Die besten Texte und Künste werden von einer namhaften Jury ausgewählt und erscheinen schwarz-weiß gedruckt in der halbjährlich erscheinenden Ausgabe. 21 x 21 cm frische Geschichten auf echtem Papier.“

Grund genug, unsere Neugier zu wecken und bei den beiden einmal genauer nachzufragen. Ein Gespräch über die Notwendigkeit eines solchen Magazins, das Schreiben, Lautheit, Talentförderung und einen Blick in die Zukunft.

Hallo Cindy, hallo Jennifer. Zunächst einmal vielen Dank, dass Ihr Euch etwas Zeit genommen habt und natürlich auch herzlichen Glückwunsch zur ersten – und wie wir finden sehr gelungenen – Ausgabe Eurer Zeitschrift. Wo erreichen wir Euch gerade?

Vielen Dank, schön, dass [Lautschrift] Euch gefällt! Wir haben uns wieder  in unsere Lieblingsländer Irland (Jennifer) und Australien (Cindy) zurückgezogen, in denen wir schon vor anderthalb Jahren die [Lautschrift] Idee hatten. Damals war es das Auslandssemester, jetzt ist es das Masterstudium „Film Theory and History“ (Jennifer) und das Schreiben und Reisen (Cindy).

Bevor mit dem eigentlichen Interview beginnen, stellt Euch doch bitte unseren Lesern kurz vor. Also, was sollte man über Euch wissen?

Wir sind beide 24 Jahre alt, beide im Schreib- und Lesefieber. Wir haben uns am Anfang unseres Studiums kennengelernt und herausgefunden, dass wir das ultimative Team sind! Manchmal gruseln wir uns sogar vor den Gemeinsamkeiten und Parallelen in unserem Leben! Da war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis wir auf die Idee eines gemeinsamen Projektes gekommen sind. Im vergangenen August haben wir beide unser Studium der Internationalen Literaturen und der Anglistik/Amerikanistik in Tübingen abgeschlossen. Wer mehr über uns wissen will, muss uns einfach fragen!

Damit zu unseren Fragen: Ihr schreibt auf Eurer Website, dass ein Magazin in dieser Form bisher gefehlt habe, was man sich angesichts der Flut an Publikationen – gerade auch im Internet – eigentlich kaum vorstellen kann. Kurzum, was war die Motivation, eine literarisch-künstlerische Zeitschrift für Studierende zu gründen?

Wir schreiben beide wahnsinnig viel und gerne. Besonders als wir ein Jahr während des Studiums zusammengewohnt haben, haben wir uns immer gegenseitig Texte zum Korrekturlesen gegeben, und uns damit motiviert, immer weiter zu schreiben. Um wiederum gelesen zu werden. Dabei ist uns bewusst geworden, dass es eine breitere, freundschafts- und universitätsübergreifende Möglichkeit geben sollte, die eigene Literatur und Kunst zu präsentieren und unter die Leute zu bringen. Besonders in Irland und Australien gibt es einige Literaturmagazine, die sich der Förderung und Verbreitung von noch unbekannten Talenten verschreiben. Dies hat in Deutschland auf Universitätsebene gefehlt, obwohl es so viele Studenten unter uns gibt, die viel breiter gelesen werden sollte. Und aus all diesen Motivationen ist dann letztendlich [Lautschrift] entstanden.

Und gerade die Flut der Publikationen im Internet zeugt doch zum Einen vom Fehlen einer solchen Plattform! Das Wort „Flut“ zeigt auch schon, dass die Texte im Internet dann doch eher etwas untergehen und deshalb wollten wir unbedingt ein Print-Magazin machen – gegen den derzeitigen Trend also. So können wir den Texten und damit den Künstlern einen permanenten Platz im Bücherregal bieten.

(…) und warum der Name [Lautschrift]?

Das Lautschriftsystem hilft, eine fremde Sprache auszusprechen, und es verweist auf die Zweisprachigkeit, die wir mit dem Magazin fördern möchten. Englisch soll nicht nur gelehrt werden, wir möchten auch dazu motivieren, es künstlerisch anzuwenden. Es ist natürlich auch die laute Schrift, egal ob deutsch oder englisch, die wirksam und bleibend ist, die Situationen und Emotionen beschreiben und erhalten kann. Vielleicht ist es auch die Idee, dass die Texte zwischen den Klammern ausgesprochen für jeden gleich klingen – nur außerhalb der Klammern kann es jeder für sich selbst interpretieren und sich den Text auch als Leser zu Eigen machen. Von allem ein bisschen – doch wichtig ist das Schreiben und das Lesen.

Ein Blick in die erste Ausgabe zeigt, dass Ihr versucht, inhaltlich und stilistisch ein ziemlich breites Spektrum abzudecken. So reichen die publizierten Arbeiten von verschiedenen literarischen Texten in Deutsch und Englisch über Zeichnungen bis hin zur Fotografien. Absicht, Zufall oder sucht Ihr noch Euren (inhaltlichen) Fokus?

Mit der Erstausgabe wollten wir erst einmal herausfinden, ob so ein Magazin denn auch von der Allgemeinheit so sehr gewünscht war wie wir es uns wünschten. Und es war! Wir bekamen mehr Einsendungen als erwartet, was uns wahnsinnig freute. Ab der zweiten Ausgabe werden wir immer ein Thema angeben, dass entweder ganz grob angerissen oder ganz streng befolgt werden kann, oder schlichtweg  nur als Inspiration dient. Doch die Vielzahl an verschiedenen Genres und Kunstformen möchten wir auf jeden Fall beibehalten, da es einfach sehr spannend ist und eben die Vielseitigkeit der künstlerischen Talente an den Unis in Bayern und Baden-Württemberg zeigt.

Unterstützt werdet Ihr von einer Redaktion und (wechselnden) Jury, in der bei der ersten Ausgabe die Autorin Nina Jäckle und der Buchautor/FAZ-Kolumnist Georg M. Oswald saßen. Erzählt uns ein bisschen über die Redaktion und die Auswahl der Jury-Kandidaten bzw. die Zusammenarbeit mit ihnen.

Glücklicherweise konnten wir in den letzten Monaten bereits ein kleines Stellvertreternetzwerk starten, denn zu zweit wie in den ersten elf Monaten ist [Lautschrift] mittlerweile nicht mehr machbar. Samuel, Verena und Nadja unterstützen uns wunderbar in verschiedenen Unistädten mit Marketing, Distribution und Kontakten zu den jeweiligen Ansprechpartnern in den Unis. Sie sind unsere  [Lautschrift] Stellvertreter. Für die erste Ausgabe wurden die Texte, wie du bereits gesagt hast, von Nina Jäckle und Georg M. Oswald ausgewählt. Beide waren sofort bereit, die erste Jury zu stellen und wir hatten die Möglichkeit, diese wunderbaren Autoren im Interview kennenzulernen. Sie waren wahnsinnig entspannt und es war echt interessant, was sie über das Schreiben und die Textauswahl zu erzählen hatten.

Für die zweite Ausgabe werden wir, also die Stellvertreter und wir, eine Vorauswahl treffen, und aus der Vorauswahl werden dann Benedict Wells und Franziska Gerstenberg die deutschen Texte, und der Senior Editor von Jonathan Cape, Alex Bowler, die englischen Texte für die Veröffentlichung in der zweiten Ausgabe auswählen. Wir sind gespannt!

Wenn wir es richtig gelesen/verstanden haben, geht es Euch mit [Lautschrift] auch darum, den Austausch zwischen Studierenden, Literaturinteressierten und Künstlern zu fördern. Das Literaturmagazin also auch als künstlerische Talentschmiede bzw. Kontaktbörse?

Einfach gesagt, ist es wohl eine Motivations- und Inspirationsplattform. Gut erzählte Geschichten, neue Themen, Wortkombinationen oder dergleichen motivieren, an den eigenen Texten weiter zu schreiben. Und wenn dadurch neue Lieblingsautoren/innen und Künstler/innen gefunden werden, ist es umso besser! Eine Magazinveröffentlichung kann der erste Schritt zu weiteren Veröffentlichungen, vielleicht sogar zu einer Entdeckung sein. Wir möchten unbekannte Talente entdecken und natürlich so weit wie möglich verbreiten.

Welche Kriterien muss ein Beitrag erfüllen, damit er im [Lautschrift]-Magazin veröffentlicht wird?

Als erstes natürlich die einfachen, formalen Richtlinien: Prosatexte sollten beispielsweise nicht länger als 2.000 Wörter sein, und nicht mehr als zwei Gedichte pro Künstler. Alle Konditionen finden sich auch auf unserer Webseite, zusammen mit dem Einsendeformular. Und dann findet die Vorauswahl erst von uns, den Herausgeberinnern und den Stellvertretern, statt. Die Texte können ruhig mutig sein, Grenzen überschreiten oder überraschen! So genau kann man wahrscheinlich nie davor sagen, nach welchen Kriterien man auswählt. Die Texte, die dann von der Jury, die aus bereits etablierten Autoren und anderen Menschen der Literaturwelt besteht, ausgewählt wird, werden in der Printausgabe veröffentlicht. Zur Veröffentlichung gibt es natürlich auch noch ein Freiexemplar. Und im Interview werden wir natürlich auch ein wenig nachbohren, welche Kriterien die Jury hatte.

Derzeit wird [Lautschrift] hauptsächlich im Umfeld der Universitäten in Baden-Württemberg und Bayern angeboten bzw. vertrieben. Die Auflage der ersten Ausgabe betrug 1.000 Stück, im Vorgespräch zu unserem Interview erwähnte Cindy, dass für Nummer 2 eine Auflage von 1.500 geplant sei. Vor diesem Hintergrund interessieren uns vor allem zwei Dinge:

a) Wie finanziert bzw. trägt sich das Projekt?

Wir hatten glücklicherweise ein paar kleine Zuschüsse von Familie und Bekannten und Studis Online, doch größtenteils mussten wir unsere Konten für Werbe- und Druckkosten plündern. Es war ein Risiko, und wir waren sehr nervös, aber auch sehr aufgeregt, dass Projekt im Mai nach elf Monaten endlich gedruckt an die Öffentlichkeit lassen. Zum Glück wurde [Lautschrift] tatsächlich recht gut verkauft. Wir sind auf der Suche nach Investoren, doch leider haben wir bisher noch keine finanzielle Lösung gefunden und freuen uns über jede kleine oder größere Spende!

b) Gibt es Eurerseits Pläne, das Magazin auch in anderen Bundesländern anzubieten bzw. zu vertreiben?

Auf jeden Fall. Nachdem es in Baden-Württemberg gestartet ist, haben wir für die zweite Ausgabe noch Bayern mit ins Boot geholt. Nach und nach möchten wir mehr Studierenden in weiteren Bundesländern die Chance geben, in [Lautschrift] veröffentlicht zu werden. Glücklicherweise kann es schon bundesweit über unsere Webseite bestellt werden, dem Internet sei Dank. Doch der Traum ist eindeutig, deutschlandweit  mit [Lautschrift] noch unbekannte Literatur und Kunst an den Universitäten zu entdecken, zu fördern und zu verbreiten – schließlich ist es spannend, beispielsweise in Tübingen zu lesen, über was Münchner Studierende schreiben.

Bevor wir zum Schluss kommen noch ein Blick in die Zukunft: Nehmen wir an, wir würden uns in – sagen wir mal – 5 Jahren wieder zu einem Interview verabreden, wovon könnten/möchten Cindy und Jennifer im Rückblick auf das [Lautschrift]-Magazin berichten?

Wir würden gerne zurückblicken und sagen können: ja, das war ein Einstieg in die Welt der Schreibenden – so viele tolle Menschen, mit denen wir bisher geredet haben, da werden in den nächsten fünf Jahren garantiert noch einige interessante Gespräche hinzukommen! Wir möchten sagen können, dass wir helfen konnten, unbekannte Talente einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen und dass wir vielleicht einen kleinen Beitrag dafür geleistet haben, die Geisteswissenschaften und die Kunst in einer Zeit, in der alles nur noch schneller und stromlinienförmiger abläuft, auf eine kleine Magazininsel „gerettet“ zu haben. Schon jetzt verstehen wir das Magazin als Sprungbrett für weitere Projekte und wahrscheinlich wird das in 5 Jahren nicht anders sein. Natürlich hoffen wir, dass wir dann den 5.Geburtstag von [Lautschrift] feiern können. Außerdem steht fest: es ist/bleibt eine einzigartige Erfahrung.

Und in unserer guten Tradition der „berühmt-berüchtigten letzten Worte“, hier ist Eure Chance (…)

Jeder von uns hat eine Geschichte zu erzählen – das ist das, was uns zusammenhält.

Vielen Dank. 🙂

Wir danken!

Abschließend der Hinweis in eigener Sache, dass die [Lautschrift]-Redaktion noch bis zum 15. November 2011 Einsendungen für die zweite Ausgabe der Zeitschrift annimmt. Wer von Euch mit seinen Prosatexten, Gedichten, Essays, Theaterstücken, Fotografien oder Zeichnungen die Chance auf eine Veröffentlichung nutzen will, kann seine Arbeit unter diesem Link einsenden. Thema der zweiten Ausgabe ist Aufbruch:

„Lauft los und fangt ein, fangt auf, fallt auf: mit Worten und Bildern. Brecht auf in Neues, Unbekanntes, und hinaus, viel weiter als ihr dachtet. Nah am Thema oder nur gerade so berührt. Text, Bilder und Ideen zählen. Los gehen wir!“

| Der Artikel auf Stepin Weltneugier  hier

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